10 May 2018

Uwe Johnson. Jahrestage in Mecklenburg.

Meine Wertung

Für begeisterte Uwe Johnson-Leser ein Muss!

Das Heft Nr. 10/Oktober 1992 des Kulturmagazins „Du“ aus der Schweiz steht unter der Überschrift „Uwe Johnson • Jahrestage in Mecklenburg“. Uwe Johnson kommt mit einem bis dahin unveröffentlichten kurzen Text auch zu Wort, aber in erster Linie sind es seine Weggefährten aus der Literaturszene, die Auskunft geben. Man erfährt viel über die Entstehungsgeschichte von Johnsons Werk, aber noch mehr über die Gemüts- und Stimmungslage seiner „wohlwollenden“ Kollegen, nicht immer frei von Heuchelei und Selbstbeweihräucherung. Schade nur, dass uns nur Mutmaßungen bleiben, wie der mit 49 Jahren in 1984 viel zu früh verstorbene Uwe Johnson diese Beiträge kommentiert hätte. Spannend ist dieses grandios von Thomas Flechtner illustrierte Heft allemal und zwar bis zum Schluss, d. h. bis zu der vom ehemaligen Leiter des Uwe Johnson-Archivs verfassten Autorenbiografie.

06 May 2018

Jedermann • Everyman

Meine Wertung


„Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker.“...

...schreibt Philip Roth in „Jedermann • Everyman“ und an anderer Stelle heißt es, „dass man geboren wird, um zu leben, und statt dessen stirbt“. Es ist nachvollziehbar, dass bei diesem Roman, bei dem es um das Sterben und den verlustreichen Weg dorthin geht, der für Philip Roth so kennzeichnende Humor weitgehend auf der Strecke bleibt. Andererseits wird „Jedermann • Everyman“ durch die stilistische Meisterschaft des Autors entschädigt, der schon seit Jahrzehnten den Literaturnobelpreis hätte erhalten sollen. Das skandalträchtige Nobelpreiskomitee gibt zu, das internationale Vertrauen verspielt zu haben, lässt die Preisvergabe für 2018 ausfallen und formiert sich neu. Falls sich das Komitee, jenseits von Sex-Affären, Indiskretionen und Korruptionsvorwürfen, wieder mit der Literatur beschäftigt, dann wäre das in 2019 eine neue und vielleicht letzte Chance für Philip Roth…?!

02 May 2018

Die besten Absichten

Meine Wertung

Der "Kartograph des menschlichen Unglücks" und sein trauriger Held Agustín Alfaro

Hannes Stein schreibt im "Spiegel" über Max Aub, dass er der „Kartograph des menschlichen Unglücks“ sei. Völlig richtig, aber die Kartographie geht Aub so meisterlich und voller Humor von der Hand, dass "Die besten Absichten" einen hohen Lesegenuss bieten. Max Aub vollendete diesen Roman 1953 in Mexiko und die lateinamerikanischen Einflüsse sind unverkennbar. So harmlos die vordergründige Geschichte einer unerfüllten Liebe daherkommt, so bunt und phantasievoll entwickelt sich der Roman weiter. Er spielt in Spanien nach 1924 und endet 1939, gleichzeitig mit dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs. Dem abenteuerlichen Leben des traurigen Romanhelden Agustín Alfaro folgend, wäre es hilfreich, wenn man mit der spanischen Landschaft, Sprache und der Geschichte des Landes vertraut wäre; ist man es nicht, weckt das nur die Neugierde in dem Leser, seine Freude an der Lektüre verringert es hingegen nicht. Elemente eines Schelmenromans wechseln sich mit denen eines Episodenromans ab und besonders spannend wird es dann, wenn der Autor vermeintliche Nebenfiguren in die Romanhandlung einführt; die Geschichte des Buchhändlers Don Lucas Gonzáles wird man nicht mehr vergessen.

24 April 2018

Wellen

Meine Wertung

Der Roman als Ölgemälde

Dieser kleine, feinsinnig komponierte Roman von Eduard von Keyserling spielt Anfang des vorigen Jahrhunderts rund um einen sommerlichen Ostseestrand. Es ist so, als hätte man ein zeitgenössisches Ölgemälde vor Augen, ein Gemälde mit Strandhäusern, Strandkörben, Sanddünen, Küstenwäldern und Fischerbooten vor der unendlich facettenreichen Magie der Meeresbrandung. Dazwischen, winzige Farbtupfer am Horizont, die Protagonisten unseres Romans als abendliche Strandspaziergänger. Gestrauchelte Adlige, gehobenes Bürgertum mit seinem Personal, Offiziere, junge und nicht mehr ganz so junge Bohemiens, einfache Fischerfamilien, alle in einem verhängnisvollen Reigen miteinander verbunden. War es dieses Gemälde, das den leider völlig vergessenen Autor zu seinem Roman inspirierte? L'art pour l'art!

15 April 2018

Das Echolot • Barbarossa '41 • Ein kollektives Tagebuch

Meine Wertung

Ein Buch mit Spätwirkung

Barbarossa '41 ist in  chronologischer Hinsicht der erste Band der von Walter Kempowski herausgegebenen Echolot-Buchreihe. Zwei Zeiträume stehen sich in diesem Band gegenüber, der Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion, am 22. Juni 1941, und der erste Kriegswinter bis Ende Dezember 1941. Größer könnte der Kontrast zwischen der Kriegseuphorie der ersten Tage und dem unsagbaren Leid nicht sein, nachdem der deutsche Angriff im Schlamm und Eis stecken geblieben ist, aber der Belagerungsring um Leningrad dennoch geschlossen wurde. Das Verständnis für die jüngste Geschichte bekommt durch die zahlreichen Zeitzeugenberichte eine völlig neue Dimension, aber Vorsicht! Gerade die Berichte von Hunger, Krankheit und Tod, aber auch vom übermenschlichen Durchhaltewillen der Leningrader Bevölkerung während der Belagerungszeit, sind an schockierender Deutlichkeit nicht zu übertreffen und entfalten ihre verstörende Spätwirkung erst in einem gewissen zeitlichen Abstand.

30 December 2017

Lenins Hirn

Meine Wertung

Das mit Abstand Beste an diesem Roman ist sein Titel, ...

... selbst wenn dieser praktisch nichts mit seinem Inhalt zu tun hat. Es geht in "Lenins Hirn" um das Leben und Wirken des Hirnforschers Oskar Vogt. Manche wohlwollende Rezensenten behaupten, dass der in einundzwanzig Sprachen übersetzte Roman gut recherchiert sei. Voller Rücksichtnahme regen sie an, dass Tilman Spengler besser ein Sachbuch zum Thema geschrieben hätte. Denn eigentlich muss man sich fragen, warum der Autor dieses Buch überhaupt vorgelegt hat, da es ihm nicht einmal ansatzweise gelingt, seine Romanfiguren plastisch und nachvollziehbar in Szene zu setzen. Hat der Leser anfänglich vielleicht noch einen Reiz verspürt, sich mit Oskar Vogt und seiner Zeit näher zu beschäftigen, lässt das rapide nach und erreicht nach mehr als dreihundert Seiten den Nullpunkt. Man gewinnt den Eindruck, dass es Tilman Spengler genauso erging, denn die Sprache beherrscht er zweifellos; was ihm jedoch völlig fehlt, ist die Empathie für seine Romanfiguren. Ganz amüsant beginnt der Roman mit der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Neigung des Großbürgertums à la Krupp, sein Heil bei Modeärzten zu suchen. Das alles endet aber in einem geschwätzigen und deshalb völlig misslungenen Versuch eines Sittengemäldes. Der Leser freut sich, dass er am Ende angelangt ist und das Buch aus der Hand legen kann. Der Erkenntnisgewinn ist minimal, der Lesegenuss mäßig.