07 December 2017

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Meine Wertung

Es geht um Würde, ...

... genau genommen, um die Würde des Obersten und seiner Frau, die seit Jahrzehnten auf eine versprochene Veteranenpension warten. Hunger und Krankheit treiben sie fast in den Tod; Augustín, ihr Sohn, wurde von den Truppen der gleichen Regierung ermordet, die dem Obersten seine Pension vorenthält. Das alles spielt sich Ende 1956 in der tropisch-feuchten Hitze des namenlosen kolumbianischen Dorfes ab. Für diejenigen Leser, die "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez kennen, ist "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" eine Art Dessert; für die anderen, ein literarischer Appetizer.

03 December 2017

În umbra Europei • Două războaie reci și trei decenii de călătorie prin România și dincolo de ea

Meine Wertung

Ein Buch zeigt Alterserscheinungen,...

...sein Autor leider auch! Der Bericht von Robert D. Kaplan erstreckt sich ab dem Anfang der 1980er-Jahre über mehr als drei Jahrzehnte bis in das Jahr 2014. Als der Autor das von dem Ceaușescu-Regime paralysierte Rumänien 1981 besuchte, war er noch keine dreißig, ein junger Auslandskorrespondent aus Israel. Heute zählt er in den USA zu den "Top 100 Global Thinkers" (Foreign Policy) und gilt als angeblich einflussreicher politischer Analyst (New York Times). Tatsache ist jedoch, dass Kaplan seine Offenheit und Sensibilität der frühen Reporterjahre im Verlauf der Jahrzehnte eingebüßt hat. Zunächst interessierte er sich noch sehr für das Land und insbesondere für die Leute. Als arrivierter "Global Thinker" betreibt er fast nur noch Sandkasten-Strategiespiele zur Geopolitik in Osteuropa, wobei die Menschen zum Schluss völlig aus seinem Blickfeld verschwinden. Seine krude, anfangs antisowjetische, später antirussische Propaganda, nervt ebenso wie sein ständiges Herummäkeln an der zugegebenermaßen deprimierenden sozialistischen Zweckarchitektur. Fraglich ist jedoch, ob Kaplans architektonische Vorlieben für Gotik, Renaissance und Klassizismus die realen Wohnungsbauprobleme des 20. Jahrhunderts gelöst hätten, und zwar nicht nur im sozialistischen Lager. Weitere historische Ungenauigkeiten werfen zusätzliche Fragezeichen auf, z. B. die fehlende Unterscheidung zwischen dem nicht anerkannten Staate Transnistrien und dem Gouvernement Transnistrien währen des Zweiten Weltkrieges. Dennoch ist die Lektüre dieses Buches eines durchaus belesenen Journalisten lohnend, vorausgesetzt, dass es nicht die einzige Informationsquelle über Rumänien und die Region bleibt.

19 November 2017

Levins Mühle • 34 Sätze über meinen Großvater

Meine Wertung

Zeit für eine Wiederentdeckung

Levins Mühle, der erste der beiden Romane von Johannes Bobrowski, lieferte die literarische Vorlage für eine Oper, uraufgeführt in Dresden 1973, und eine DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1980. Doch der Roman selbst scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Völlig zu Unrecht, denn gleichsam eines Magiers lässt Bobrowski die multiethnische Gesellschaft in Westpreußen im Jahr 1874 entstehen, zusammen mit dem darin fest verwurzelten Antisemitismus. Lyrische, musikalische, folkloristische und mythische Elemente finden Eingang in die humorvolle Prosa des Autors. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Bobrowski - als Mitglied und Preisträger der Gruppe 47 - zahlreiche zeitgenössische Autoren tief beeinflusst hat. 1962 gründete Bobrowski gemeinsam mit Manfred Bieler scherzhaft einen neuen Friedrichshagener Dichterkreis, der seine Aufgabe laut der Gründungsschrift "in der Beförderung der schönen Literatur und des schönen Trinkens" sah. Schade nur, dass Bobrowski schon drei Jahre später, am 2. September 1965, im Alter von nur 47 Jahren starb; ein herber Verlust für die "Beförderung der schönen Literatur"!

08 November 2017

Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde • Die unglaubliche Geschichte des Jemmy Button

Meine Wertung

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Dieses Motto aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, angewandt auf die naiven Zivilisationsbemühungen der Briten Anfang des 19. Jahrhunderts in Feuerland, wäre vermutlich erfolgversprechend gewesen. Statt dessen werden Jemmy Button und drei weitere Feuerland-Indianer nach Großbritannien verschleppt, um ihnen zunächst Religion, Kultur und Moral näherzubringen. Dies ist kein Bericht für Sozialromantiker, denn weder treten die Briten als Ausbeuter und Sklavenhalter auf, noch sind die Feuerland-Indianer harmlose, freundliche Wesen, die den Briten mit liebenswerter Neugier begegnen. Mit einer Expedition (1831-1836) unter der Führung von Robert FitzRoy, an der auch der damals 22-jährige Charles Darwin teilnahm, wird Jemmy Button nach Feuerland zurückverfrachtet. Aber es kommt, wie es kommen musste, denn ohne Fressen bleibt die Moral auf der Strecke. Diebische Feuerland-Indianer stehen völlig überforderten, in ihren religiösen Moralvorstellungen gefangenen Siedlern gegenüber, was dann verhängnisvoll zu Mord und Totschlag führte. Der minutiös recherchierte Bericht von Nick Hazlewood schildert gleichzeitig auch einen Kriminalfall und dessen Auswirkungen auf das britische Empire. Was die Lektüre so lohnenswert macht, ist die vorurteilsfreie und zugleich einfühlsame Herangehensweise des Autors an dieses schwierige Thema, das uns ZIVILISIERTE Westeuropäer alle angeht.

04 November 2017

Taking Farewell of "The Emigrants"

(Bucharest, 01.11.2017 - 03.11.2017) The Athénée Palace Hilton Bucharest hosted the Artmark Autumn Art Sale "100 Greatest Masters of Romanian Art", which took place on November 2nd, 2017. Incidentally, during the preliminary exhibition, the three auction winners formed a group round the same column in the hotel lobby. Three masterpieces from three different artist generations from three differnt backgrounds, but all together standing for the variety of Romanian art.

Foyer of the Athénée Palace Hilton Bucharest
Nicolae Grigorescu (1838-1907) • Peasant Woman with Headscarf [€ 50,000]
Max Herman Maxy (1895-1971) • Three Friends [€ 40,000]
Adrian Ghenie (1977-) • Firearm (Casemates) [€ 40,000]
"The Emigrants", Octav Băncilă's artwork, which I bought in Bucharest back in the 1990ies, at my place lived always in the shadow, so it's time to exhibit it to the public for a last time in the hope that "The Emigrants" will find a new home away from home.

Octav Băncilă (1872-1944) • The Emigrants [€ 7,000]
Keeping in mind that nearly a quarter of the artworks didn't get a winning bid, I'm pretty fine with the auction result.

27 October 2017

Amerikanisches Idyll

Meine Wertung

Der Pulitzerpreis für Literatur 1998 war allenfalls eine Nettigkeit...

... für den monumentalen Roman "Amerikanisches Idyll" von Philip Roth; angemessener wäre es schon damals gewesen, Philip Roth mit dem Literaturnobelpreis, wenn nicht schon für dieses Werk, dann aber spätestens für sein Lebenswerk zu ehren. Statt dessen zeichnete die Schwedische Akademie im Vorjahr Bob Dylan "für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition" aus. Zum Dank erwiderte Dylan die Ehrung mit seinem lümmel- und mimosenhaften Verhalten. Wenn man zudem weiß, dass die Schwedische Akademie ihre Entscheidungen einem seltsamen Proporz folgend trifft, dann hat der Jude und US-Amerikaner Philip Roth - nach Bob Dylan - keine Chance mehr, den Literaturnobelpreis zu erhalten. Eine krasse Fehlentscheidung, wie jeder Leser dieses ersten Teils von Roths amerikanischer Trilogie feststellen wird, sofern er nur mit literarischem und politischem Interesse an dieses Werk herangeht. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Ende des Vietnamkrieges entspannt sich ein Panoptikum der USA, das seinesgleichen sucht. Der Lesegenuss wäre zwar noch höher, wenn man mit Baseball, Touch-Football, US-amerikanischen Präsidenten oder Figuren der Folklore besser vertraut wäre, aber auch so erwartet den Leser zwar kein amerikanisches Idyll, dafür aber wahrlich eine überaus spannende und zugleich lehrreiche Lektüre. Die gleichnamige sehr schwache Literaturverfilmung aus dem Jahr 2016 kann man sich getrost sparen, wenn man das Buch in uneingeschränkt guter Erinnerung bewahren möchte.